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Latest News von der Kondylomfront
Univ. Prof. Dr. Andreas Salat im Interview mit rainbow.at zum Thema HPV. Vor allem unter jungen Schwulen ist die Erkrankung verbreitet.

Zwischen 3. und 9. November 2007 fand in Beijing (ehemals Peking) die 24. Internationale Konferenz über Papillomaviren statt. Es handelt sich hierbei um den bedeutendsten wissenschaftlichen Kongress zu diesem Thema, der sich hauptsächlich mit dem Gebärmutterhalskrebs und nebenbei auch mit Kondylomen und auch den Krebs des Analbereiches beschäftigt.

Bekannter Maßen werden diese Erkrankungen durch eine Infektion mit dem humanen Papillomavirus (HPV) verursacht, die in schwulen Kreisen und hier vor allem unter den jungen Schwulen sehr weit verbreitet sind. Rainbow Online konnte einen der Vortragenden, Univ. Prof. Dr. Andreas Salat, zu einem Interview über die wichtigsten neuen Erkenntnisse gewinnen.

R.O: Zunächst mal herzlichen Dank, dass Sie sich so kurz nach der Rückkunft für uns Zeit genommen haben. Welche Arbeiten haben Sie selbst in Beijing präsentiert?

Prof. Salat: Gerne. Unsere Arbeitsgruppe hat sich im letzten Jahr, nach der Etablierung einer speziellen proktologischen Ambulanz für HIV-Positive Menschen am AKH Wien, sehr stark mit diesem Kollektiv beschäftigt und konnte erste Daten über die Situation der HPV-Infektion in Wien präsentieren. Es sind dies europaweit die ersten, zahlenmäßig großen Daten in einer lokalen Community. Wir konnten, wie bereits aus amerikanischen Untersuchungen zu vermuten war, eine sehr hohe Durchseuchungsrate von 78% nachweisen. Aber nicht nur das, bei etwa einem Fünftel dieser Patienten, nämlich bei 19,8%, wurden auffällige Krebsabstriche gefunden. Insgesamt hatten dann 7,4% auch histologisch hochgradige Krebsvorstufen in der Biopsie, also knapp einer von 10.

R.O: Das sind aber eigentlich doch beunruhigende Ergebnisse.

Prof. Salat: Ja schon, aber diese Ergebnisse habe ich eigentlich erwartet. Betrachtet man den etwa 3%igen Anstieg der Krebserkrankungen des Analbereiches pro Jahr in den letzten Jahrzehnten und weiß, dass das Auftreten dieser HPV-verursachten Erkrankung eigentlich eine Frage der Zeit bzw. des Immunsystems ist, so müssen praktisch immer mehr HIV-positive Menschen diese Veränderungen aufweisen.

R.O: Aber ist das nicht im Widerspruch zu den Erfolgen der HIV-Therapie?

Prof. Salat: Nein überhaupt nicht, im Gegenteil. Es zeigt, dass durch das längere Überleben nun wesentlich mehr HIV-positive Menschen „ihren Krebs“ - um es so auszudrücken - erleben. Und es ist auch ein indirekter Hinweis, mit einer Kombinationstherapie zeitgerecht zu beginnen, also meist bereits zu einem Zeitpunkt, wo der Infizierte keinerlei Einschränkung merkt. Es konnte nämlich gezeigt werden, dass niedrige Helferzellen einen unabhängigen Risikofaktor darstellen und dies sogar für den Fall, dass sich später unter erfolgreicher Kombinationstherapie die Helferzellen wieder restaurieren. 

R.O: Die zweite Präsentation betrifft die sexuelle Orientierung?

Prof. Salat: Ja, hier konnten wir in einem deutlich kleineren Kollektiv, es waren 88 HIV-positive Heteros und MSM - das sind Männer die Sex mit Männern haben, also Schwule und Bisexuelle – neuerlich eine Evidenz erbringen, dass es eben nicht von der sexuellen Orientierung und auch nicht vom Analverkehr abhängt, ob Krebsvorstufen vorliegen, sondern einzig von den Hochrisiko-HPV-Typen, der Immunlage und der Dauer der HIV-Infektion.

R.O: Was raten sie daher HIV-positiven Personen?

Prof. Salat: Analog zu den Vorsorgeuntersuchungen betreffend Gebärmutterhalskrebs, sollte einmal jährlich zumindest eine Anoskopie, d.h. eine Spiegelung des Analkanals, durchgeführt werden. Nach den Empfehlungen der österreichischen  Gesellschaft für Chirurgie, die derzeit von den Schwestergesellschaften Dermatologie, Gynäkologie, Pathologie und unter den HIV-Therapeuten ratifiziert werden, sollte hierbei die Technik der hochauflösenden Anoskopie mit speziellen Färbungen zur Anwendung kommen. Für den Patienten bedeutet dies eine etwa 5-minütige Untersuchung, die zwar lästig und unangenehm, aber nicht schmerzhaft ist. Wichtig ist jedenfalls, dass der Untersucher mit dieser Technik vertraut ist, da sonst die Ergebnisse sehr fehleranfällig und daher wenig verlässlich sind. Hält man sich daran, so scheint diese Krebsart verhinderbar zu sein.

R.O: Gibt es auch für HIV-negative etwas Neues zu berichten?

Prof. Salat: Die Immuntherapie mit Imiquimod 5% Creme läuft zusehends den chirurgischen Therapien den Rang ab, d.h. es wird mittlerweile immer klarer, dass diese Erkrankung chirurgisch nur sehr selten heilbar ist und ein nachhaltiger Erfolg nur über eine Intervention am Immunsystem zu erzielen ist. Warum das Immunsystem nicht adäquat reagiert dürfte einerseits an erworbenen Immundefekten liegen, was ja z.B. bei Einnahme von Medikamenten nach Transplantationen oder in der HIV-Infektion verständlich erscheint. Aber auch der sogenannten Immunoseneszenz, also der natürlichen Alterung des Immunsystems wird immer mehr Bedeutung geschenkt. Und last but not least, einer der meiner Meinung nach stärksten Faktoren: Das Rauchen ist als ein Kofaktor etabliert, sodass im Rahmen der Kondylomtherapie auch eine Empfehlung zur Rauchentwöhnung erfolgen sollte.

R.O: Sehr lange schon in Diskussion bzw. in der Werbung ist auch die HPV-Impfung zur Krebsvorbeugung. Was ist da dran bzw. ist das auch etwas für Schwule?

Prof. Salat: Keine Frage, das ist ein Meilenstein, der auch auf dem heurigen Kongress wieder viel Platz einnahm. Ganz klar ist der Effekt der Impfung bei Jugendlichen vor dem ersten Geschlechtsverkehr zu sehen. Hier kann ein praktisch 100%iger Impferfolg erzielt werden. Dass dies nur bedeuten kann, dass unser Gesundheitssystem für die Kosten der Impfung im empfohlenen Alter (9. bis 16. Lebensjahr) aufzukommen hat, wurde durch entsprechende Kosten/Nutzen Analysen bestätigt. Es ist natürlich zu vermuten, dass dies auch für Burschen gilt, aber: Sobald die ersten Sexualkontakte erfolgen, beginnt die Wirksamkeit der prophylaktischen Impfung abzunehmen, da ja bereits asymptomatische Infektion vorliegen können. Bei 20 -29-jährigen Männern liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie bereits Kontakt mit HPV hatten bei etwa 40%. Die Impfung kann nur vor neuen Infektionen schützen, aber nicht bereits vorliegendes HPV entfernen. Für HIV-Positive Menschen gibt es derzeit keine ausreichende Absicherung über die Effektivität der Impfung, wenngleich vor allem junge und frisch infizierte HIV-positive durchaus profitieren könnten.
Neue, wenngleich wenig überraschende Daten wurden zum Thema der Kreuzreaktivität gebracht. Darunter verstehen wir, dass die Impfung gegen einen Hochrisiko-HPV-Typ zu einem gewissen Teil wirklich auch gegen andere nicht in der Impfung enthaltene Virus-Typen wirkt. Dies wurde nun erstmals nachgewiesen und deutet doch auf eine Ausweitung des Impfkollektives hin, denn die Wahrscheinlichkeit, dass jemand wirklich alle HPV-Typen in sich trägt, ist sehr gering.

R.O: Sollen sich nun also alle User impfen lassen?

Prof. Salat: Na ja, das kann man so einfach nicht sagen, das ist eine schwierige Frage. Wie gesagt, wenn Ihre User noch keine sexuellen Kontakte hatten und damit die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit HPV null ist, dann auf jeden Fall impfen ja, weil hierfür ein 100%iger Impfschutz zu erwarten ist. Das andere Extrem sind aber jene, die bereits an Warzen bzw. anderen Folgen der HPV-Infektion leiden. Hier darf es keine Impfempfehlung geben, da es hier gar keine Wirkung geben kann, d.h. dass die Impfung keinesfalls eine Therapeutische ist.

R.O: Beide Situationen sind aber nicht sehr häufig. Die meisten von uns sind doch gesund und haben doch schon oder noch Sex.

Prof. Salat: Dazwischen gibt es richtigerweise einen Graubereich, der von der Impfung profitieren könnte, in den meisten Fällen aber nicht von einem 100%igen Impfschutz ausgegangen werden kann. Desto jünger und sexuell unerfahrener die Impfkandidaten sind, desto höher wird ihr Impfschutz sein. Ich denke das ist ganz wichtig darzustellen, da die Impfung zwar nebenwirkungslos ist, abgesehen vom Einstich und dem dadurch verursachten Schmerz, aber derzeit noch immer 155.-€ pro Teilimpfung kostet, 3 Teilimpfungen sind nötig. Weiters ersetzt die Impfung nicht die empfohlenen jährlichen Kontrollen, sie ist also kein Persilschein, sondern eher als ein zusätzliches Moment im Kampf gegen HPV-verursachte Erkrankungen. Durchschlagende Wirkung auf die Volksgesundheit wird sie sowieso erst in 15-20 Jahren haben, da es meist so lange dauert bis sich die Krebsvorstufen entwickeln und dann der klinische Effekt, also der Rückgang dieses Krankheitsbildes merkbar sein wird.

R.O: Sind sie selbst eigentlich geimpft?

Prof. Salat: Das ist eine unfaire Frage, weil ich mit der Beantwortung wahrscheinlich eine indirekte Empfehlung in eine Richtung abgeben würde. Ich will betonen, dass derzeit die Effektivität der Impfung für Männer ab dem 16. Lebensjahr nicht ausreichend gut mit Daten belegt ist und die Entscheidung eher von der individuellen Situation abhängt, d.h. ob es derzeit oder jemals Kondylome oder eine HPV-Infektion gegeben hat und von Faktoren des Sexuallebens wie die Partnerzahl und die Anzahl der Sexualkontakte. Bei jungen Schwulen also würde ich diese Frage aber schon aktiv andiskutieren bzw. sie versuchen zu motivieren. Und eines ist klar: in etwa 20-30 Jahren werden Kondylome Raritäten darstellen, diesbezüglich bin ich mir ziemlich sicher.

R.O: Danke für das Interview.



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